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Auszug gekürzt

Die Artillerie, die ars tollendi, Kunst des Werfens, ist mit ihren Vorläufern der mechanischen Artillerie, den Torsions-, Hebel- und Gegengewichts- Wurfmaschinen, fast ein Jahrhundert älter als die vergleichsweise moderne Form der Pulverartillerie.
Aber selbst deren Anfänge verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Fest steht heute nur, dass das Treibmittel Pulver in China bereits lange vor den Geschützen bekannt war, aber nur für Feuerwerk eingesetzt wurde. Auf den Schlachtfeldern hatte seit den Anfängen der Geschichte allein die menschliche Muskelkraft die Waffen betätigt, von der Hiebwaffe des Nahkampfes bis zur vorgespannten Fernwaffe des Bogens oder der Wurfmaschine. Dies alles änderte sich entscheidend, als fast über Nacht diese Antriebskraft der Muskeln durch die viel kräftigere der Gase eines entzündeten Gemenges von Salpeter, Holzkohle und Schwefel abgelöst wurde, die aus einer Metallröhre ein Geschoss feindwärts schleuderten. Wer auf diese Idee gekommen war, ist heute unbekannt. Aber man darf sicher den dessen oft bezichtigten Freiburger Mönch Berthold Schwarz von der Schuld daran freisprechen. Das Schwarzpulver ist nicht nach ihm benannt, sondern nach dessen von der Kohle rührenden Farbe. Das erste bekannte Bild einer Feuerwaffe erschien in einer Handschrift des Sir Walter Millimetre von 1326 und zeigt ein vasenförmiges Feuerrohr, aus dem ein Geschoss ähnlich einem Armbrustbolzen ragt. Der Einsatz solcher Waffen wurde bereits u.a. um 1324 vor Metz und 1331 vor Cividale erwähnt. Ob es sich dabei um die kleineren Handwaffen oder die größeren Geschütze handelte, bleibt allerdings unklar. Waren die ersten Geschütze anfangs noch nach Art eines Fasses aus schmiedeeisernen Längsstäben, miteinander feuerverschweißt und durch eiserne reifen zusammengehalten als Stabringkanone, zusammengesetzt worden, so verdrängte schon Ende des 14. Jh. der Bronzeguss das Schmiedeeisen und blieb jahrhundertelang das Geschützmetall. Die ersten Rohre lagen als Belagerungswaffen, Steinbüchsen mit bis zu 70 cm Kaliber noch einfach auf dem Boden vor rückstoßhemmenden Balken oder steingefüllten Kisten, während der Verteidiger seine kleinkalibrigen Tarrasbüchsen bereits in Blocklafetten einlegte. Räder machten die Karrenbüchsen beweglich, Richthörner ließen die Burgunderlafetten auch ohne Keile die erforderliche Höhenrichtung einnehmen, wobei dies später Schildzapfen noch erleichterten. Das Gleiche bewirkten bei den kleineren Kalibern die Gabeln der Drehbassen für die Seitenrichtung. Deren Rohre lud man auch entgegen dem bisherigen Trend nicht mehr von vorn, sondern bereits mittels eisernen Patronen- Vorläufer, die die Schusseinheit Pulver und Geschoss in sich vereinten, ungeachtet aller Liderungs-, Abdichtungsprobleme von hinten. Die französische Bezeichnung veuglaire verbrämt taktvoll den urdeutschen symbolträchtigen Namen. Aber die Artillerie musste noch einige Jahrhunderte auf Material und Konstruktion einer gasdichten Liderung warten und blieb erst einmal beim Vorderlader.
Einen Wandel vollzog sich aber bald in Form der Spezialisierung auf ihre taktischen Aufträge. Diese führte, abgesehen von den schiffsgestützten Kanonen ( samt deren Erbfeind der Küstenartillerie bereits vom Autor in seinem ersten Buch „ Schiffs- und Küstenartillerie“ behandelt), zu einer Dreiteilung der landgestützten Artillerie in Feld-, Belagerungs- und Festungsgeschütze.
Auf dem Schlachtfelde bewirkte die Artillerie in Verbindung mit ihren Geschwistern den Handfeuerwaffen vielleicht die größte und umgreifendste gesellschaftliche Veränderung: Sie fegte die Elite des Rittertums hinweg, die sich unverwundbar dank ihrer Rüstungen bis dahin gegenüber dem Fußvolk hatte behaupten können, ebenso wie die gewaltigen Geschütze der Belagerungsartillerie eines Kaisers Maximilian I. als Mauerbrecher dem Treiben der bisher hinter den dicken Mauern ihrer Burgen unerreichbaren Raubritter ein Ende setzten. Dazu mussten die Geschütze aber erst beweglich werden. Als Sultan Mehmed II. „ der Eroberer“ 1453 für die Einnahme des christlichen Konstantinopel von dem Ungarn Urban in Adrianopel eine Resenkanone gießen ließ, die Steine von 12 Zentnern eine Meile weit schleuderte, mühten sich danach 100 Zugochsen und 700 Mann Begleitung bei deren Transport in die Feuer-
stellung vor Konstantinopel. Später verringerte gelegentlich die Unterteilung in zwei miteinander verschraubte Rohrhälften die Einzellasten. Die kleinkalibrigen Verteidigungswaffen der Befestigungen, anfangs nur fähig zu schwacher Sturmabwehr gegenüber den gewaltigen Belagerungsgeschützen der zahlungskräftigen Angreifer, die allein sich die kostspielige Anheuerung des neuen Berufsstandes der geheimnisumwitterten Stückmeister samt derer Monster leisten konnten, wuchsen allmählich zu gleichwertigen Gegnern auf, die sich mit den Geschützen der Angreifer duellierten. Während sich die Geschützrohre technisch nur wenig änderten und lange stehend in einer Grube über einen Kern hohl gegossen wurden, Mündung samt verlorenem Kopf nach oben, bis sie voll gegossen und dann ausgebohrt wurden, erfolgte der größte Fortschritt auf dem Gebiet der Munition, des eigentlichen Wirkungsträgers der Artillerie. Vor dem mit einer Schaufel eingebrachten Mehlpulver lag anfangs eine roh behauene Steinkugel, zur Minderung des Kugelwindes der vorbeiblasenden Treibgase, die einen Verlust an Reichweite und Durchschlagskraft bedeuteten, mit Holzkeilen und einer lidernden Stroh – oder Lehmpackung gasdicht verschlossen. Mit der Umwandlung der Kugel vom Haustein zum Eisenguss verbesserte sich die Passung Rohrwandinnen-/ Kugelaussendurch-
messer sowie die Querschnittsbelastung infolge der vierfachen Wichte von Eisen gegenüber von Stein, und die Durchschlagsleistung des härteren Metallgeschosses stieg. Das Pulver entmischte sich nicht mehr beim Transport, weil es mit Wein angefeuchtet, getrocknet und dann gebrochen, geknollt seine Anteile unverändert beibehielt. Die Anzündung des feinen Zündkrauts auf dem Zündloch des Rohres bewirkte nach dem schürhakenartigen Loseisen, das in einem ständig brennden Feuer glühend gehalten werden musste, bald die Lunte, ein langer glimmender Hanfstrick, der in Bleizucker getränkt worden war, und nach ihm übernahm die Artillerie klugerweise von den Handwaffen der Musketiere deren Anzündung mittels Stein-, später Perkussions- und schließlich Schlagbolzenschlössern. Die Geschosse spezialisierten sich: Gegen „Weichziele“, jene moderne Schönrednerei für die Menschen der Infanterie und Pferde der Kavallerie, erhöhten sie als Kartätschen ihre Treffsicherheit mittels vieler kleiner Bleikugeln und gegen die Häuser der Städte ihre Wirkung als Brandgeschosse, eiserne Blech- Karkassen, gefüllt mit Werg und brennbaren Stoffen wie Harz und Pech. Letztere schoss man nicht aus den Flachfeuerwaffen der Kanonen, sondern warf sie im steilen Bogen aus den Steilfeuerwaffen der Mörser, kurzrohrigen Geschützen. Als dann nach 1570 Wolf von Senftenberg vorschlug, eine hohl gegossene Eisenkugel mit Schwarzpulver zu füllen und mit einem Stück Lunte als Zündschnur aus den Belagerungsmörsern zu werfen, war das Sprenggeschoss geboren. Die Kanonen der Feld- und Festungsartillerie beeilten sich, diese Erfindung zu übernehmen, und zweihundert Jahre danach kam in Gibraltar Lieutenant Shrapnel auf die Idee, dazu auch noch Flintenkugeln einzufüllen und das Geschoss so zu tempieren, die Zündschnurlänge zu bemessen, dass es über den Köpfen der Feinde explodierte und die Kugeln herabregnen ließ. So verweilte die Artillerie in einer sich nur langsam verringernden Kalibervielfalt bis nach den Kriegen Napoleons. Dann wollte ein schwedischer Geschützgießer, Baron von Wahrendorf, seinen friedenbedingt daniederliegenden Markt beleben und dazu einen neuartigen Geschütztyp herausbringen. Er entschied sich für ein Kasemattenge-
schütz, das in engen Räumen eingesetzt und deshalb zweckmäßigerweise von hinten geladen werden sollte. Sein Liderungssystem funktionierte. Als Geschosse wollte er aber immer noch Kugeln verwenden. Doch da ereignete sich eine Sternstunde, weil bei ihm zu dieser Zeit ein sardischer Hauptmann Cavalli zur Abnahme von Geschützen weilte. Der hatte sich mit der Entwicklung drallstabilisierter Langgeschosse befasst, die aus gezogenen Rohren verschossen werden sollten. Beide Erfindungen ergaben einen Quantensprung der Artillerie: das Zugrohr- Hinter-
ladegeschütz, das Langgeschoss abfeuerte. Preußen führte dieses Feldgeschütz im Jahre 1859 ein, bezeichnete es aber als C/61, Construction eingeführt 1861. Der Rest der Welt folgte allmählich. Frankreich zu spät für den Krieg 1870/71. Von jetzt an sprang die Entwicklung der Artillerie nach ihrem jahrhundertlangen Dornröschenschlaf von einem Fortschritt zum nächsten, zuerst ab etwa 1880 bei der Munition. Moderne kräftige Nitrosprengstoffe lösten die träge Geschossfüllung Schwarzpulver ab, und das als Treibmittel umgekehrt zu abrupte Schwarzpulver, das zudem Schützen und Ziele in dichte weiße (!) Wolken hüllte, fand ebenfalls in den aus nitrierten organischen Substanzen bestehenden rauchschwachen Pulver einen überlegenen Nachfolger. Dann kamen die Geschütze an die Reihe. Krupps Gusstahl hatte schon bei C/61 das Eisen der Rohre verdrängt, wie auch das Eisenblech das Holz der Lafetten. Nur der meterlange Geschützrücklauf nach jedem Schuss und das anschließende kräftezehrende Wieder- nach- vorne Bringen und Nachrichten mussten noch entfallen. Dies geschah dann Ende des 19. Jh. Ein Ingenieur von Krupp namens Haußner erfand den langen Rohrrücklauf, eingeführt wurde er aber in Frankreich mit dem damals modernsten Feldgeschütz seiner Zeit: Der 75-mm Feld-
kanone M 1897, die in beiden Weltkriegen in Dienst stand, im Zweiten sogar auf deutscher Seite als eine Behelf - PaK. Jetzt fehlte nur noch die moderne Spreizlafette, die Italien 1912 einführte und optische Ziel- und Richtmittel, die zusammen mit modernen Uhrwerks- Doppelzündern im Ersten Weltkrieg zur Regel wurden, sowie weitere Geschossentwicklungen, panzerbrechende oder mit hochgiftigen Kampfstoffen gefüllte und das Geschütz von heute war fertig. Seitdem wurden an ihm nur noch Kleinigkeiten verändert wie z.B. die Rohre verlängert und es hinsichtlich Metallurgie und Fertigungstoleranzen verbessert. Heute bewegt es sich auf dem Gefechtsfeld mit eigenem Antrieb, vorzugsweise gepanzert, und hält Funk-
verbindung zu seinem Zielaufklären und – Beobachtern aller Art, bis zum Satelliten. Was wird als nächstes kommen? Flüssige Treibmittel und selbstständige zielsuchende Geschosse wahrscheinlich, elektromagnetisch beschleunigte Geschosse oder Strahlenwaffen vielleicht, ganz sicher aber der zweite Band dieses Buches, der diese Geschichte der frühen Feld-, Belagerungs- und Festungsgeschütze mit deren modernen, zumeist im Ersten Weltkrieg geborenen Spezialausführungen, den halb- und vollautomatischen Kanonen, Panzer- und Flug-abwehrgeschützen, den Granat- und Geschosswerfern abschließen wird.
Schon dieser, in immenser Fleißarbeit entstandene erste Band über Geschützklassen und Typen aus rund 500 Jahren, wird sicher eine neue Fundgrube für Historiker, militärtechnisch Interessierte wie auch für Modellbauer und Sammler sein.











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Obwohl die Artillerie in den verflossenen 500 Jahren den Ausgang von Gefechten, Schlachten und Kriegen zunehmend beeinflusst hat, sind Veröffentlichungen über die Geschichte dieser Waffengattung im Vergleich zur Literatur über die See- und Luftkriegsgeschichte relativ selten. Während bedeutende Verlage im In- und Ausland interessierte Leser fast jedes Jahr mit Neuerscheinungen über Kriegsschiffstypen, Militärflugzeuge und Panzerfahrzeugen beglücken, muss der an der Geschichte der Artillerie Interessierte fast einen 20- jährigen Rhythmus abwarten, um sich an einer neuen Veröffentlichung über diese Waffenart zu freuen. Natürlich haben in der Vergangenheit profunde Sachkenner dieses Genres hervorragende und reichhaltig illustrierte Bücher zur Geschichte der Artillerie verfasst, jedoch bleibt dem interessierten Leser heute oft die Möglichkeit, solche Standardwerke über Antiquariate zu erwerben, bzw. sie in gut ausgestatteten Bibliotheken auszuleihen.

Mit der dargebotenen Zusammenstellung von Geschützklassen und Typen aus der mehr als 500- jährigen Geschichte der Artillerie soll interessierte Lesern eine Art Nachschlagewerk über die Entwicklung der verschiedenen Geschützarten bereitgestellt werden. Obwohl hier keine vollständige Geschichte der Artillerie geboten wird und die Auswahl der Geschütztypen nur einen repräsentativen Überblick darstellt- allein bei der deutschen Artillerie waren im Ersten Weltkrieg 73 verschiedene Geschütztypen mit Kaliber von 3,7 bis 42 cm eingesetzt-, ermöglicht die chronologische Darstellung von rund 200 Geschütztypen das Nachvollziehen der Entwicklung dieser Waffengattung des Heeres bzw. der Landstreitkräfte.

Der überwiegende Teil der Abbildungen zeigt heute im Original erhaltene Geschütze in Militär- und Artilleriemuseen aus aller Welt. Seltene Stücke aus der frühen Geschichte der Artillerie werden mit Bildmaterial aus Zeughäusern, Landes- und Nationalmuseen gezeigt.
Aufgenommen wurden auch Geschütze, die heute in staatlichen, firmeneigenen und privaten Studiensammlungen zu finden sind. Ergänzt werden die Darstellungen mit Originalgeschützen, mit denen in aller Welt Memorials und militärische Nationalparks ausgestattet sind. Einige zeitgenössische Archivaufnahmen zeigen verschiedene Geschütze in Aktion.
Verbunden mit der chronologischen Darstellung wurden wichtige technische Entwicklungsschritte wie beispielsweise der Übergang vom Vorder- zum Hinterlader oder die Einführung von Geschützen mit gebremstem Rückrohrlauf, die bedeutende Zäsuren bei der Weiterentwicklung der Artillerie darstellten. In den Kurzbeschrei-bungen findet der Leser die wesentlichsten technischen und ballistischen Daten der Geschütze sowie Angaben über Hersteller, Einsatzbeispiele und die heutigen Standorte von Museumsgeschützen. Ereignisse und Geschichtsdaten, die im Zusammenhang mit den dargestellten Geschützen stehen, runden das Bild ab. Analog dem bereits erschienenen Buch über die Schiffs- und Küstenartillerie wurden bei der Bezeichnung der Geschütze die historische bzw. landesübliche (Werks-) Benennung gewählt. Erfahrungsgemäß ermöglichen diese Bezeichnungen dem noch wenig mit der Materie vertrauten Leser ein schnelleres Auffinden von Geschütztypen bei vergleichenden Betrachtungen in der fremdsprachigen Literatur. Im Anhang findet der Leser ausgewählte historische bzw. fremdländische Maßeinheiten, die ggf. eigene Umrechnungen bei weiterführenden Recherchen ermöglichen.



So oder ähnlich könnte der Einsatz einer frühen Bombarde ausge-
sehen haben. R. Knötel malte den Abschuss der „faulen Grete“ bei
der Belagerung von Friesack im Jahre 1414 durch Friedrich VI. ,
Burggraf von Nürnberg.

Einige Autoren äußerten wiederholt die Ansicht, dass bei der Entwicklung von Artilleriegeschützen über einen Zeitraum von rund 400 Jahren eine Stagnation vorherrschte. Das mag zwar für das Wirkungsprinzip eines Geschützes zutreffen- Fortschleudern eines Geschosses aus einem Rohr mittels des Gasdrucks einer explodierenden Pulverladung-, nicht aber für das gesamte Umfeld bei der Herstellung und dem Einsatz von Artilleriegeschützen. Schon der Übergang von den geschmiedeten Geschützrohren zu den ab Ende des 15. Jahrhunderts aus Bronze gegossenen Rohren stellte einen bedeutenden Fortschritt dar. Selbst wenn eine bestimmte Modellserie von Geschützrohren äußerlich fast unverändert über 100 Jahre nachgegossen wurde, versuchte man doch unablässig, die Metalllegierungen zu verbessern sowie die Herstellung der Formen, den Gießprozess und die Nach-
bearbeitung zu optimieren. Ab 1590 begann man in England die ersten Geschütz-rohre aus Eisen zu gießen, was nicht nur die Herstellung verbilligte, sondern in der Folgezeit auch die Massenherstellung von Geschützrohren positiv beeinflusste. Auch der Übergang vom hohl gegossenen Rohr zum Vollguss mit anschließendem Aufbohren der Rohre stellte einen Qualitätssprung dar. Das von Johannes Maritz ab 1715 eingeführte Horizontalbohrwerk ermöglichte genauere Kalibermaße, was letztlich die Schussleistung der Geschütze verbesserte. Zum Umfeld der ständigen Weiterentwicklung gehörten auch die fortlaufende Verbesserung der Lafetten, der Munition und der Schießverfahren. Grundsätzliche Veränderungen wie etwa die Einführung gasdichter Hinterladerverschlüsse oder das Schießen mit Granaten aus gezogenen Rohren waren nun mal erst mit der Weiterentwicklung anderer Wissenschaftsdisziplinen und technischer Verfahren ( Metallbearbeitung) möglich.





Das reich verzierte Rohr der schwedischen 24- Pfünder- Festungskanone wurde von
BENT OLOF SON ANNO 1559 gegossen( im Nordischen Krieg von der russischen
Armee erbeutet).

Foto: Artilleriemuseum St. Petersburg



Unabhängig von solchen technischen und technologischen Prozessen sei hier kurz die künstlerische Gestaltung der bronzenen Geschützrohre vom 16. bis zum 18. Jahrhundert erwähnt.
Als Ausdruck des Zeitgeistes dieser Epoche findet man auf den Geschützrohren oftmals wahre Kunstwerke in Form von verzierten Feldern und Rundfriesen sowie filigran gestaltete Wappen und mit Wahlsprüchen oder anderen Inschriften versehene Kartuschen und Bänder. Viele dieser Entwürfe stammen von bedeutenden Kupferstechern, Bildhauern oder auch Architekten. Eng verbunden mit solchen Prunkstücken sind die Namen der Stückgießer bzw. ganzer Gießerfamilien, Namen wie Johannes Maritz und seine Söhne, Jan und Pieter Verbruggen, Gregor Löffler, die Hilgers aus Freiburg, A. Schalch sowie Johan Jacobi; „ Hoff- und Artillerie-
gießer“ aus Berlin, um nur einige zu nennen, sind für ewig in die Geschichte der Artillerie eingegangen.

Eine kleine Wissenschaft für sich sind die damaligen Bezeichnungen und Definitionen der verschiedenen Geschütztypen. Bezeichnungen wie Schlange, Falkonetts, Culverinen, Basilisk oder Minions, Saker und Kartaunen sind nur einige von ihnen. Hinzu kommen, dass Geschützarten mit fast gleichem Kaliber und gleichem Verwendungszweck nicht selten in einem Land, erst recht in fremden Ländern, unterschiedliche Bezeichnungen trugen. Es gehören schon einige Erfahrungen dazu, für diese Periode wissenschaftliche Definitionen und die Einteilung in Haupt- und Untergruppen zu erarbeiten bzw. vorzunehmen. Sie sollten Experten auf diesem Gebiet vorbehalten sein. In dieser Darstellung findet der Leser einige ausgewählte Beispiele für diese Geschütztypen. Bei den Beispielen wurde versucht, hauptsächlich Geschütze mit ihren Lafetten zu zeigen, selbst wenn einige von ihnen Rekonstruktionen darstellen. Wer hier sein Wissen vertiefen möchte, findet in einigen Museen auch noch umfangreiche Rohrsammlungen, deren genaue Betrachtung und Untersuchung Tage in Anspruch nehmen kann ( Wien, Paris, St. Petersburg, Kopenhagen, Ankara u.a.).
Der technische Entwicklungsweg, hier für den Leser anhand einer Vielzahl von Geschütztypen und Modellen skizziert, war eine Seite der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Artillerie. Die ständige Erweiterung der Einsatzprinzipien, neue taktische und operative Methoden wie beispielsweise die Einführung der reitenden Artillerie, die Zusammenfassung von Geschützen zu „Zentralbatterien“ sowie die bereits früh eingeführte Gliederung in Feld-, Festungs- und Belagerungsartillerie waren wesentliche Voraussetzungen zum wirksamen Einsatz von Artilleriegeschützen. Von den durch die „Büchsenmeister“ und ihren Zunftgesellen eingesetzten Geschützen über erste Artilleriekompanien mit angemieteten Zugpferden und Fuhrknechten bis hin zu ständigen Strukturen z.B. der Feld-
artillerie war es ein weiter Weg.
Die zunehmende Bedeutung der Artillerie, deren Wirkung im Ziel letztlich zur Herausbildung einer selbstständigen Waffengattung führte, dokumentiert auch die ständig steigende Anzahl der eingesetzten Geschütze.
Während der preußische König Friedrich II. bei Beginn des Ersten Schlesischen Krieges im Dezember 1740 in seinem Heer von 27400 Mann ein Artilleriebataillon mit 90 Geschützen, davon 48 Belagerungsgeschütze, mitführte, waren bei Russlandfeldzug Napoleons im Jahre 1812 bereits 1372 Geschütze im Bestand der
„Grande Armee`“. Im Deutsch- Französischen Krieg 1870/71 waren von Armeen des Norddeutschen Bundes ( Preußen, Bayern, Sachsen, Baden und Württemberg) 1718 leichte und schwere Feldgeschütze eingesetzt. Hinzu kamen 11 preußische Regimenter der Festungsartillerie, von denen ein Teil noch als Belagerungs-
geschütze zum Einsatz kamen. Die in Großbritannien im „Royal Regiment of Artillery“ zusammengefasste Feld- und Fußartillerie verfügte 1897 über 708 Feldgeschütze (21 reitende, 87 fahrende und 10 Gebirgsbatterien).




Kritzmow/ Hamburg, im September 2003

Hans Mehl







Mittelalterliches Stabringgeschütz „ Faule Magd“



Das früher zum Bestand des Sächsischen Armeemuseums in Dresden gehörige Geschütz ist dank wissenschaftlicher Restaurierung eine der am besten erhaltenen Geschütze aus dem Mittelalter. Das aus 20 geschmiedeten Eisenstäben und 40 Ringen zusammengesetzte Rohr wurde um 1430 als schweres Legestück hergestellt. Erst um 1600 baute man für dieses Stück eine hölzerne Radlafette. Da das Rohr keine Schildzapfen hatte, legte man es in einen Muldenkasten, der wiederum mit Schildzapfen in der Lafette gelagert wurde. Das Rohr mit einem Kaliber von 345mm hat eine Gesamtlänge von 2330mm und wiegt 1383,3kg. Die vermutlich als Belagerungskanone vorgesehene Waffe verschoss 96- pfündige Steinkugeln.
Die hölzerne Lafette weist eine Reihe von Verzierungen und Buchstaben als Abkürzungen auf. So z.B. die Großbuchstaben GLZ, welche nach heutiger Erkenntnis für „ Großes Landeszeughaus“ (Sachsen) stehen. Eingeschnitzte Verzierungen, zwei Wahlsprüche an jeder Seite der Kastenlade sowie eine Bemalung in den Farben Gelb und Blau vervollständigen die künstlerische Gestaltung der Lafette.









Die „ Faule Magd“ im alten Zeughaus der Festung Königstein. Foto: Hering























Osmanische Bombarde aus dem 15. Jahrhundert



Im Militärmuseum von Istanbul wird eine mittlere Bombarde aus der Mitte des 15. Jahrhunderts gezeigt, die vermutlich mal zum umfangreichen Geschützpark des türkischen Sultans Mohamed II. gehört hat. Mit weitaus größeren Stücken eröffnete Mohamed II. 1452 die Belagerung von Konstantinopel. Die abgebildete Bombarde wurde vermutlich ebenfalls in der Geschützwerkstatt in Adrianopel hergestellt. Das Kaliber beträgt hier 180mm und die Gesamtlänge 1730mm. Zwei Heberinge ermög-
lichten das Anheben zum Transport und das Absetzen in eine hölzerne Kasten-
mulde ( Legestück).







Die Bombarde im Militärmuseum von Istanbul. Foto: Autor




































Geschichte der Kriegskunst